| Aus: Süddeutsche Zeitung 22.8.1998, von Uwe Ritzer |
Der Besucher taucht ein in eine exotische Welt. Umgeben von tropischen Pflanzen, Dutzenden Skorpionen, Insekten und Vögeln dösen oder krabbeln in Hunderten Plastikdosen und -schalen, in Gläsern und Terrarien unterschiedlichster Form Spinnen aus allen Teilen der Erde. Die kleinsten messen einen Millimeter, die größten haben gerade noch auf dem Handteller eines Mannes Platz. „So um die 3.000 werden es im Moment wohl sein“, sagt ihr Besitzer.
Der Herr in diesem Reich der Spinnen ist erst 31 Jahre alt und zählt zu den weltweit renommiertesten Fachleuten, was die Biologie der langbeinigen Krabbeltierchen angeht. Wenngleich Spinnen für ihn nicht allein Objekte wissenschaftlicher Begierde, sondern liebgewonnene Zeitgenossen sind, deren Faszination er hoffnungslos erlegen ist. „Ich würde nie eine Spinnwebe in meiner Wohnung einfach wegmachen“, versichert er.
Die Liebe zu den fühler- und flügellosen Gliederfüßlern begann im zarten Alter von elf Jahren, als die Oma ihm ein Buch über Spinnen schenkte und er darin eine Vogelspinne sah. „Eine solche mußte ich unbedingt haben.“ Also kaufte er sich vom Taschengeld das haarige Getier. Mit 15 gewann Dirk zusammen mit einem Freund bereits beim Bundeswettbewerb „Jugend forscht“ mit einer Arbeit über „Richtige Haltung und Zucht von Spinnen“ einen Sonderpreis.
Aus dem exotischen Hobby eines Jungen ist wissenschaftliche Leidenschaft geworden. Weickmann erforscht vor allem das Gift von Spinnen, von dem sich die Anzeichen mehren, daß es in der Herz- und Krebsmedizin nützlich sein könnte.
Dreimal die Woche wird zu diesem Zweck gemolken. Dazu nimmt der 31jährige eine Schwarze Witwe oder einen anderen seiner Schützlinge aus ihren mit „Poison-Gift“-Warnungen beklebten Behausungen. Mit drei Fingern der linken Hand hält er jeweils das Tierchen und stupst es vorsichtig mit der anderen, um es zu ärgern. „Wenn ich Glück habe, wird die Spinne wütend und gibt einen Tropfen Gift ab. Aber das“, erklärt Weickmann, sei „ ein Geduldspiel“, bei dem er mitunter nebenbei fernsieht, „weil es sonst langweilig wird“. Die abgezapften Substanzen untersucht er anschließend labortechnisch.
Angst, gebissen zu werden, habe er nicht, wohl habe er aber Respekt vor seinen Schützlingen. Die Abneigung vieler Menschen gegen Spinnen kann er nicht verstehen. „Jedes Jahr sterben weltweit 50.000 Menschen allein an Insektenstichen viel, viel mehr als an Spinnengift.“ Und Dackel würden häufiger Menschen beißen als Spinnen. Der Ekel und die Furcht seien irrational und übertrieben, ausgelöst durch falsche Erziehung, Horrorfilme oder auch das Aussehen und die beängstigende Schnelligkeit der Krabbler. Weickmann: „Selbst die giftigsten Spinnen sind nicht aggressiv.“
Seine Erkenntnisse veröffentlicht er in einschlägiger Literatur und gibt selbst zwei Fachblättchen heraus. Latrodecta heißt eines davon, nach dem lateinischen Fachbegriff für „Schwarze Witwe“. Ein-, zweimal jährlich sammelt er Experten seiner Zunft zu Symposien um sich. Weickmann hielt Vorträge in vielen Ländern, darunter in USA, Neuseeland, Frankreich, Südafrika, Namibia und Kasachstan. Weltweit renommierte Universitäten wie Harvard oder Stanford, in Alma Ata, Johannesburg oder Sao Paulo laden ihn ein. Im internationalen Nachschlagewerk bedeutender Persönlichkeiten, dem „Who`s who“, ist Weickmann mit genausovielen Zeilen verzeichnet wie Bundeskanzler Helmut Kohl.
Dabei hat der gebürtige Franke nicht einmal Abitur. Nach der Realschule ließ er sich zum pharmazeutisch-technischen Assistenten ausbilden, dann zum Toxinologen, der sich im Gegensatz zum Toxikologen ausschließlich mit dem Gift von Tieren, Pflanzen und Bakterien befaßt. Angesichts seiner überragenden wissenschaftlichen Leistungen blieb ihm die Reifeprüfung erspart.
Jetzt arbeitet Weickmann bei internationalen Projekten mit und an einer Doktorarbeit, die er über das Thema „Biogene Amine in Spinnengiften“ an der Universität Zürich vorlegen wird. Sein Geld verdient er derweil hauptsächlich als Zellforscher am „Dr. Klehr Institut für Immunologie und Humangenetik“ in München.
Dirk Weickmann hat eine Freundin, die selbst Biologin ist und daher Verständnis für seine tierische Leidenschaft aufbringt. Der 31jährige weiß, daß er für manche Zeitgenossen schlicht selbst ein Spinner ist. Dergleichen ficht ihn nicht an. „Man muß schon ein bißchen verrückt sein, wenn man so etwas macht. Im guten Sinne, versteht sich.“